Abenteuer um Mitternacht

Eines Abends, ich war etwa elf Jahre alt, blätterte ich aufmerksam meine Lieblings-Programmzeitschrift durch. Wenn mich etwas interessierte, dann waren es Filme, in denen es vor Monstern nur so wimmelte. Die Wände in meinem Kinderzimmer, das ich mit meiner jüngeren Schwester Pia teilte, waren stumme Zeugen meiner Leidenschaft. Neben einem Poster mit einem zähnefletschenden Graf Dracula, der mit Pflock im Herzen von der Tapete starrte, tummelten sich ein zweibeiniges Ungeheuer aus der schwarzen Lagune und der legendäre weiße Hai. Wie elektrisiert starrte ich auf eine Programmüberschrift, die ein Fantasyabenteuer ankündigte. "King Kong und die weiße Frau" hieß der Film, Beginn war um 00.15 Uhr. Es ging um einen Riesenaffen, der sich in eine Blondine verliebt und sie in den Dschungel entführt. Das klang verheißungsvoll. Monster, die sich in schöne Frauen verlieben, waren mir grundsätzlich sympathisch. Mit der Programmzeitschrift in der Hand, die Wangen rot vor Begeisterung, marschierte ich zu Mama in die Küche.

Sie warf einen Blick auf den Filmtitel und verdrehte die Augen.

"Das schlag dir gleich aus dem Kopf, junge Dame" sagte sie kopfschüttelnd und reichte mir ein kariertes Leinentuch.

"Mitten in der Nacht werden keine Filme geguckt, schon gar nicht diese Monsterfilme. Morgen hast du Schule. Jetzt wird das Geschirr abgetrocknet, dann machst du deine Hausaufgaben und danach geht's ins Bett."

Sie sah mich an, mit einem Blick, der keinen Widerspruch zuließ und tauchte ihre Hände in das Spülwasser. Murrend ergriff ich das Leinentuch. Während ich missmutig einen Teller nach dem anderen abtrocknete und in den Hängeschrank stapelte, keimte in mir ein Plan auf. King Kong durfte ich auf keinen Fall verpassen. Heute Abend, kurz vor Mitternacht, würde ich mich einen Stock tiefer in Papas Fernsehzimmer schleichen. Diesmal würde Mama mir nicht den Spaß verderben. Ich musste es geschickt anstellen, denn falls Mama mich erwischte, drohte mir ein wochenlanges Fernsehverbot.

Drei Stunden später war es soweit. Atemlos lauschte ich in die Stille. Der Mond schien durchs Fenster, seine matten Strahlen fielen auf die Gestalt meiner Schwester, deren Brustkorb sich gleichmäßig wie ein Blasebalg hob und senkte. Papa schnarchte wie ein Düsenjäger und Mama röchelte, als würde man ihr alle zehn Sekunden die Nase zuhalten. Vorsichtig warf ich die Bettdecke zur Seite, zog eine Taschenlampe unter dem Kopfkissen hervor und schlüpfte in meine braun getigerten Plüschpantoffeln. Dann schlich ich wie ein Dieb durch das Kinderzimmer. Leise stieg ich die knarrenden Stufen der Flurtreppe hinab. Mit angehaltenem Atem drückte ich die Klinke der Tür nieder, die in Papas Fernsehzimmer führte. Wieder lauschte ich in die Stille. Kein Ton war zu hören. Entschlossen stieß ich die Tür auf. Dann schaltete ich den Fernseher ein und hockte mich im Schneidersitz vor das Gerät. Das Licht ließ ich sicherheitshalber aus.

Wenige Minuten später flimmerten schwarz-weiße Schatten durch das dunkle Fernsehzimmer. Gebannt starrte ich den Bildschirm an. Die Geschichte fesselte mich sofort. Da war der Filmemacher Carl Denham, der sich zusammen mit seinem Bootsmann John Driscoll und der hübschen Schauspielerin Ann auf den Weg zu einer weit entlegenen Insel aufmacht, um einen Film zu drehen. Was er nicht weiss, ist, dass die Totenkopfinsel von Eingeborenen bewohnt wird und diese Eingeborenen einen Gott namens "Kong" anbeten. Eine gewaltige, kilometerlange Holzwand mit einem Tor darin teilt die Insel in zwei Hälften. Die Eingeborenen entführen Ann, öffnen das Tor und binden Ann zwischen zwei Holzpfählen fest. Dann flüchten sie zurück auf die andere Seite der Holzwand, wo sie das Tor mit einem Querbalken verriegeln.

Fasziniert starre ich den Bildschirm an. Mit brennenden Fackeln stehen die Eingeborenen auf dem oberen Rand der Holzwand und warten auf Kong. Im Dschungel raschelt und knackt es. Immer lauter hallen die Trommeln und Schreie der Eingeborenen durch die Nacht. Unruhig rutsche ich auf dem Teppichboden hin und her. Irgendwo geht eine Tür auf. Wenige Sekunden später ergießt sich Flurlicht durch den Türspalt ins dunkle Fernsehzimmer. Erschrocken stelle ich den Fernseher aus. Mein Herz rast wie ein abgefeuertes Torpedo. Ich verstecke mich hinter der großen Eckcouch, die gegenüber der Tür neben dem Fenster steht, und höre, wie jemand das Zimmer betritt. Licht flammt auf, ein heiseres Hüsteln erklingt. Ich atme erleichtert auf. Es ist Papa. Er nimmt etwas vom Tisch. Ich warte eine Minute, höre, wie er schnaufend die Treppe hochsteigt und stelle den Fernseher wieder an. Gebannt verfolge ich, wie King Kong mit Ann, die er liebevoll in seiner Pranke hält, durch den Dschungel stapft. Mutig verteidigt er sie gegen einen Tyrannosaurus, eine Riesenschlange und einen Flugsaurier. Zu meinem Leidwesen finden der Filmemacher und der Bootsmann Ann und betäuben King Kong, um ihn nach New York zu bringen. In New York gelingt es King Kong, sich loszureißen. Er macht sich auf die Suche nach Ann, die er schließlich in einem Appartement entdeckt. Mit blubberndem Herzen beobachte ich gramgebeugt, wie King Kong sich auf dem Dach des Empire State Building gegen ein Dutzend Flugzeuge wehren muss, die ihn wie Schmeißfliegen umschwirren. Ann hat er auf einem winzigen Vorsprung abgelegt. Er fischt ein Flugzeug aus der Luft, knüllt es wie Papier zusammen und schleudert es fort. Maschinengewehrsalven prasseln auf ihn nieder. Die Kugeln treffen seinen Oberkörper. Er schaut zu Ann, seine Fäuste dreschen auf die eigene Brust ein, weitere Salven treffen ihn, er taumelt, schwankt, dann stürzt er in die Tiefe.

Benommen schleiche ich mich ins Bett. Tränen strömen aus meinen Augenwinkeln. Vor meinem geistigen Auge sehe ich King Kong vor mir, wie er regungslos auf dem Boden liegt. King Kong hat Ann geliebt, für Ann hat er die anderen Monster umgebracht, für Ann ist er gestorben. Mein Gesicht ist tränenfeucht und heiß. Musste er auch unbedingt vom Empire State Building stürzen? Ich hätte King Kong nicht sterben lassen. Wenn es nach mir gegangen wäre, wären Ann und King Kong in den Dschungel zurückgekehrt. Und wenn Ann nicht gewollt hätte, wäre ich mit King Kong gegangen. King Kong hätte mich bestimmt genommen. Zur Not hätte ich mir die Haare blondiert. Was tut man nicht alles für seine erste große Liebe.