Am Meer

Alles ist wieder da. Irland 1994. Spaziergang am Meer.

Dicke Regentropfen prasseln auf mich herab. Ich will vergessen, vierzehn Tage lang möchte ich vergessen und doch denke ich mit jedem Atemzug an ihn. Acht Jahre war er mein Gefährte gewesen, mein bester Freund, mein Seelentröster und Geliebter und jetzt lag er, begraben unter moosbewachsener Erde, auf dem Friedhof unserer Stadt.

Der Himmel sieht seltsam aus. Wolken, wie mit Asche bestäubt, gießen ihre nasse Flut über den Horizont. Gedankenverloren sammele ich Muscheln auf. Man kann nicht fliehen vor den Gedanken. Das Bild meines Gefährten pulsiert in meinen Adern, mit sanfter Gewalt brennt es sich durch meine Venen, um dann, am Vorhof meines Herzmuskels, seine Reise zu unterbrechen.

Ich zerre an meinem Regenmantel. Er widert mich an. Er ist weit und hässlich, ein Ungetüm aus violettem Gewebe. Ich möchte ihn ausziehen, ihn und mein Leben, ich möchte beides fortwerfen wie einen Kieselstein, den man ins Meer schleudert.

Regentropfen treffen auf mein Gesicht, laufen in meinen Kragen. Es macht mir nichts, dieses Wetter, es spiegelt meinen Seelenzustand, drinnen wie draußen tobt es und ich fühle mich wohl in diesem Chaos aus Wind und Regen, aus Wolken und Sturm. Eine Witwe bin ich, ich trage schwarz. Mein Gefährte hasste schwarz, er liebte blau, mitternachtsblau, es würde herrlich zu diesem Himmel passen, diesem drohenden Himmel, der nun die Farbe von Kohlegestein hat. Selbst wenn das Meer faucht wie jetzt, ist es mir lieber als alle anderen Orte, die ich jemals besucht habe.

Und doch - ein wenig fehlt mir das Licht. Wenn Sonnenstrahlen auf das Meer treffen und das Meer den Schimmer einer blankpolierten Bronzestatue annimmt, muss ich an die Augen meines Gefährten denken. Wenn er sich aufregte oder wenn er wütend wurde, bekamen seine Augen die Farbe gereiften Bernsteins.

Mir ist kalt. Und nass wie ein Handtuch im Waschbottich bin ich auch. Ob ich heimkehren soll, um etwas zu essen? Mrs. Byrd, meine Pensionswirtin, wartet sicher auf mich. Ein einzelner Sonnenstrahl, schmal wie ein Grashalm, bricht durch die Wolkendecke. Immer mehr Strahlen finden ihren Weg zur Erde. Leichtfüßig tanzen sie auf dem schaukelnden Wasser. Vor mir liegt ein Ozean aus Gold. Fasziniert starre ich das Meer an. Es hat die Farbe seiner Augen. Ich bin mir ganz sicher.

Bild Schwere Wolke von Klaus Herzer

zu Klaus Herzers Holzschnitt "Schwere Wolke" (1987)

"Am Meer" veröffentlicht in:

Augenblicke in Poesie und Farben, Bildband mit Texten zu Holzschnitten von Klaus Herzer, C.M. Brendle Verlag, Bisingen, 2006, ISBN-10: 3-9810329-2-6, ISBN - 13: 978-3-9810329-2-