Ein Highway für Bernie

Vor Brandstetters Gartenlaube war der Teufel los. Zwanzig Teenager zuckten zu den Klängen von Amii Stewarts Knock On Wood ekstatisch mit den Hüften. Die Augen geschlossen, die Arme in die Luft gereckt, ruderte Bernie, mein Lieblingscousin, durch ein nicht zu bändigendes Disco-Gewitter, das sich mit jedem neuen Song heftiger entlud. Ich nippte an Tante Annelies alkoholfreier Erdbeerbowle, die ich mit halbtrockenem Sekt, Zitronensaft und Zucker zu einer Kalten Ente verfeinert hatte, und winkte ihm zu.

Strahlend warf er mir eine Kußhand entgegen. Heute war er glücklich, keine Frage. In weniger als einer Stunde würde er siebzehn werden und damit nur noch ein einziges Jahr von der Volljährigkeit entfernt sein. Für ihn ein Grund, die Asbach-Cola ab sofort aus Eimern zu trinken. Die meiste Zeit jedoch wirkte er bedrückt oder war wütend wie ein Stier in der Arena, was an seinem Vater lag. Onkel Egbert hatte, nach Bernies Meinung, völlig antiquierte Vorstellungen zum Thema Jugenderziehung. Oft ging es bei ihren Streitereien um Nichtigkeiten wie Bernies blonde Rastalocken oder seine bunten Batikshirts, die er, am liebsten zur Musik von Donna Summer, Hot Chocolate oder Suzi Quatro, selbst färbte.

Irgendwie war mir heiß. Ich nahm einen Stapel Servietten vom Tisch und fächelte mir Luft zu. Amii hatte aufgehört, die Boxen verschnauften einen Moment, doch gleich würde, ich fühlte es, Vader Abraham kommen. Bestimmt zum zehnten Mal hatte unser Gastgeber die Nummer schon abgenudelt. Drei Discolieder, dann die Schlümpfe, dann wieder drei Discolieder und so weiter. Man konnte beinahe die Uhr danach stellen!

Bernie ging in Position. Die Asbach-Cola hielt er fest in seiner rechten Hand, mit der linken würde er uns dirigieren. Er machte den Vader Abraham, und wir waren seine kleinen blauen Freunde. Ich nahm noch einen Schluck, stellte mich mit Benno, Ulf, Evi und den anderen in einem Halbkreis auf und konzentrierte mich darauf, ja nicht den Einsatz zu verpassen. Mein Cousin gab Rolf, unserem Dorf-DJ, ein Zeichen, und schon erklangen die ersten Takte:

Sagt mal, von wo kommt ihr denn her?
Aus Schlumpfhausen, bitte sehr.
Sehen alle da so aus wie ihr?
Ja, die sehen so aus wie wir.
Soll ich euch ein Lied beibringen?
Ja, wir wollen mit dir singen.
Ich kenn' ein Lied mit 'nem schönen Chor.
Spiel es uns bitte einmal vor.
Lalalalala...

Wie ein Sturm fegte unser Lalala Richtung Dorf. Vergleichsweise waren die Les Humphries Singers ein Haufen dilettantischer Anfänger! Verzweifelt bemühte ich mich darum, den Ton zu halten. Dann kniff ich die Augen zusammen. Bildete ich es mir ein, oder flammte bei Familie Heftschneider tatsächlich Licht auf? Entweder lag es an der Kalten Ente oder der schwül-heißen Nachtluft, aber irgend etwas trieb mir plötzlich den Schweiß auf die Stirn. Wir waren ein wenig laut, zugegeben, und die fünf Flaschen Asbach, die Bernie heimlich in die Laube geschmuggelt hatte, neigten sich bedrohlich dem Ende zu, aber insgesamt war es eine hübsche, überschaubare Geburtstagsfeier.

Unglücklicherweise wurde es jetzt auch nebenan hell. Als habe man sich abgesprochen, tauchte Frau Mertens ihr Haus in ein grelles Weiß. Nachdem Vader Abraham sich verabschiedet hatte, ging ich schnurstracks zu Bernie und flüsterte ihm die neuesten Entwicklungen ins Ohr. Meine Nachricht erschütterte ihn jedoch in keiner Weise. Zu dieser nachtschlafenden Stunde lag sein Vater, wie er mir glaubhaft versicherte, in Erwartung der Frühschicht laut schnarchend im Bett. Außerdem wisse jeder im Dorf seit Tagen, daß er, Bernie, heute in Brandstetters Gartenlaube Geburtstag feiere. Daß es da nicht wie bei Omas Damenkränzchen zugehe, sei wohl logisch.

Ich nickte, gönnte mir ein frisches Glas Kalte Ente und gesellte mich zu Evi auf die ausgeleierte braune Cordcouch, die Bernie und Konsorten kurz vor Fetenbeginn auf die Veranda geschleppt hatten. Evi war sechzehn - ein Jahr älter als ich -, trug ein rotes Minikleid mit weißen, untertellergroßen Punkten, helle Plateauschuhe und Perlenohrringe, die sie sich von ihrer Mutter, ohne daß diese es wußte, ausgeliehen hatte. Meine dunkelblaue Bundfaltenhose und die geblümte, grünbunte Polyester-Bluse nahmen sich gegen Evis fesche Erscheinung einfallslos aus. Vielleicht paßten wir deshalb so gut zusammen. Sie war lustig, spontan und großzügig, ich hingegen nachdenklich, ruhig und dachte dreimal nach, bevor ich etwas sagte.

Unser bevorzugtes Thema waren Jungs, Musik, Bravo-Lesen und Fernsehen. Beide liebten wir die Bay City Rollers, Olivia Newton-John, Blondie und Drei Engel für Charlie. Besonders Farrah Fawcett hatte es uns angetan. Ganze Stunden konnten wir in Evis Zimmer damit verbringen, unser Haar Farrah-gleich windschnittig nach außen zu fönen.

Meine beste Freundin riß die Augen auf. Ein erstickter Schrei entrang sich ihrer Brust. Irritiert blickte ich mich um. Eine dunkle Gestalt kam uns über die Wiese entgegen. Ich tastete nach meiner Armbanduhr. Es war kurz vor Mitternacht. Gleich hatte Bernie Geburtstag. Gerade gaben er, Ulf und Benno YMCA zum besten. Bernie machte den Indianer, Ulf spielte, mit dem Motorradhelm auf dem Kopf, den Polizisten, und Benno gestaltete eindrucksvoll den lederbefrackten Schnauzbart. Die Bässe wummerten nur so durch die Nacht. Ich ahnte Fürchterliches. Als ich das krebsrote Gesicht von Onkel Egbert sah, ließ ich vor Schreck mein Glas fallen.

Der Wortwechsel war kurz und schmerzvoll. Onkel Egbert tobte wie ein wildgewordener Grizzly. Die Musik sei zu laut, die Gesänge eine Unverschämtheit, und den Asbach hätte er, soweit er sich erinnern könne, erst recht nicht erlaubt. Zornig fegte er die Stereoanlage vom Tisch. Auf Bernies Wangen bildeten sich hektische rote Flecken. Mit einem hingeworfenen "Ich ziehe sowieso aus, sobald ich kann!" lief er in die Hütte und verriegelte die Tür. Onkel Egbert schrie weiter, zerdepperte eine Schallplatte und stampfte von dannen.

Wie erstarrt standen wir da. Aus der Hütte drang ein abgehacktes Schluchzen. Wenn mich irgend etwas fertigmachte, dann war es ein weinender Bernie. Am liebsten hätte ich mit ihm geheult. Stattdessen schnappte ich mir Evi und klopfte gegen die Tür.

"Laßt mich in Ruhe!" brüllte er.

"Wir sind's, Evi und ich. Komm raus, du hast Geburtstag!" rief ich und hämmerte gegen die Tür. "Wir haben ein tolles Geschenk für dich. So mach doch auf!"

Ein Schlüssel drehte sich im Schloß, dann steckte Bernie den Kopf durch den Türspalt. Zaghaft schaute er in die Runde.

"Ach, ich will lieber allein sein!"

"Nun komm schon!" rief Ulf, sein Leib-und-Magen Kumpel, fröhlich. "Dein Alter kriegt sich garantiert wieder ein. Letztes Jahr hatten wir doch das gleiche Theater, nur war es nicht dein Geburtstag, sondern meiner."

Er zauberte ein Päckchen in Schallplattengröße hervor und überreichte es meinem Cousin.

"Von uns allen", sagte Ulf . "Und alles Gute zum Geburtstag."

"Für mich?" schniefte Bernie und nahm es mit glänzenden Augen an sich. Vorsichtig löste er die rosafarbene Tüllschleife, die Ulf mehr oder weniger kunstvoll um die Alufolie drapiert hatte.

"AC/DC! Jetzt bin ich aber echt gerührt", sagte er und umarmte uns nacheinander. Unterdessen versuchte Rolf unter halblauten Beschwörungsformeln, den lädierten Plattenspieler wieder in Gang zu bringen. Behutsam legte er das Geburtstagsgeschenk auf.

Aus den Boxen kam ein heiseres Krächzen. Dann erkannte ich die Stimme von Bon Scott. Bernie und ich ließen unsere Sektgläser aneinanderklirren. Ich mußte lachen. Der nächste Streit war vorprogrammiert, denn schon drang der Refrain in Monsterlautstärke aus den Lautsprechern:

I'm on a highway to hell,
on a highway to hell...

Bernie sang verzückt mit. Seine Tränen waren vergessen. Für mich stand fest: Er würde seinen eigenen Highway finden, wie immer er auch aussehen möge. Und ganz sicher würde er nicht in die Hölle führen.