Juli im Dezember

"Willkommen in Topor City", sagte die Frau im sonnengelben Hosenanzug fröhlich. Sie breitete die Arme aus, strahlte wie ein Scheinwerfer und nahm ihren Laser-Zeigestock, um sich der Leinwand zuzuwenden, die eine überdimensionale Karte von Topor City zeigte.

"Schön, dass Sie den Weg zu uns gefunden haben. Wie Sie wissen, ist Topor City die einzige Stadt weltweit, die vor Jahren den Monat Dezember und damit das Weihnachtsfest abgeschafft hat. Für die, die unseren Prospekt nicht gelesen haben, wiederhole ich gerne noch einmal unsere Ziele. Topor City bietet all denjenigen, die das schrecklichste aller Feste fürchten, einen sicheren Hafen. Plätzchenbacken, Tannenbaumsuche, Einkaufshetze und Bing Crosby Dauerberieselung sind hier strengstens verboten. Wir schützen Sie vor nervigen Verwandten, befreien Sie von stundenlangen Kochmarathons und versichern Ihnen, ungebetene Spendenaufrufe sofort in den Papierkorb zu werfen. Ruhe und Entspannung ist unser erklärtes Ziel. Tun Sie das, was Sie immer tun wollten: Lesen Sie, schwimmen Sie, nehmen Sie an unseren Kursen teil oder vertrödeln Sie den Tag. Topor City möchte Sie verwöhnen und das rund um die Uhr."

Begeistert hörten Achim, mein Mann, und ich der Dame zu.

"Tolle Überraschung was?", flüsterte Achim mir ins Ohr. "Weihnachten findet dieses Jahr nicht statt. Diesmal lassen wir Onkel Franz, Tochter Steffi und ihre drei minderjährigen Rotznasen vor der Tür stehen. Stattdessen kannst du Urlaub machen, als wäre es Juli und du irgendwo in Spanien. Juli im Dezember sozusagen."

Eine gelungene Überraschung, in der Tat. Kein Einpacken Dutzender Geschenke, kein Anhören langweiliger Geschichten, die Onkel Franz zum hundertsten Male zum Besten gab und kein zerschlagenes Porzellan, das Steffis Jungs wie zufällig fallen ließen. Stattdessen saß ich hier in einem Raum, an dessen Wänden Palmenposter hingen, und trank morgens um elf Pina Colada, den mir ein sonnengelb gekleideter Kellner soeben serviert hatte.

13. Dezember, erster Tag
Willkommen in Topor City. Ich habe spontan beschlossen, mir einen ersten Wunsch zu erfüllen: Ich führe Tagebuch! Seit Jahren nehme ich mir das vor, habe extra ein weinrotes Büchlein mit Goldschnitt gekauft, bin aber vor lauter Arbeit nie dazu gekommen. Erstaunlicherweise hat die Topor City Weihnachtspolizei mein Tagebuch sofort beschlagnahmt. Weinrot und Gold sind verboten. Zu weihnachtlich. Stattdessen gab mir eine freundlich lächelnde, gelb gekleidete Dame eine schlichte weiße Kladde. Überhaupt scheint Gelb hier die Lieblingsfarbe aller zu sein. Ob Mitarbeiter oder Gäste, ich sehe nur gelb - Flatterkleider, leichte Hosenanzüge, Overalls, Röcke, Hosen. Am besten schmeiße ich mein weinrotes Samtkleid in den Müll. Man will ja nicht auffallen...

Veröffentlichung der kompletten Geschichte in:

Fröhliche Weihnachten 2, Geschichten, Gedichte, Rezepte zum Schmökern, Schmunzeln und Genießen, Schmöker Verlag, Garbsen, Okt. 2007, ISBN 978-3-939883-11-1