Marathon

Ich muss verrückt sein. Seit Wochen dresche ich auf die Tastatur ein, acht bis zehn Stunden am Tag, Worte, die zusammengenommen vielleicht ein Fünftel meines Lebens ergeben. Ich wische mir eine Schweißperle aus der Stirn, greife nach meiner sonnengelben Thermoskanne, auf die er mit schwarzem Filzstift "Du schaffst das, Baby!" geschrieben hat und gieße mir eine Tasse Kaffee, Marke "Arabica Gold", ein.

Das Leberwurstbrötchen, das vorhin so appetitlich lockte, liegt angetrocknet wie die Wüste Gobi auf meinem grasgrünen Plastikteller. Wie die Zunge eines erschöpften Schlittenhundes lugt das Salatblatt hervor. Ich nehme das Brötchen, tunke es in den Kaffee und beiße hinein.

"Das willst du doch nicht im Ernst essen, oder?", sagt er, nimmt mir das Brötchen ab und eilt in die Küche. Geschirr klappert, Fett zischt in einer Pfanne, dann kommt er zurück und stellt einen Teller mit Spiegeleiern, Weißbrotscheiben und Halbfettbutter auf den überquellenden Schreibtisch. Ich nehme die Gabel, schlinge das Essen hinunter, stelle den Teller auf den Fußboden und tippe weiter.

Viel gegessen habe ich nicht in den letzten Tagen. Ich komme zu nichts mehr, vernachlässige den Haushalt, ignoriere Termine, vergesse meine Freunde. Mein Projekt nimmt mich in Anspruch, alles andere ist unwichtig, selbst er muss zurückstehen, er weiß es genau.

Er hält sich großartig, er steht Kopf, damit es mir gut geht. Wenn ich erschöpft bin, massiert er mir die Hände, wenn ich Hunger habe, macht er mir Spiegeleier oder Leberwurstbrote, wenn meine Schultern verspannen, ermahnt er mich, Pausen einzulegen. Er kümmert sich um den Lavendel, die Trompetenpflanze und die Kräuter, die auf unserem Balkon wachsen und er versorgt mich mit Kaffee, damit ich durchhalte. Er überlegt sich Ausreden, um meine Arzttermine abzusagen, beschwichtigt Onkel Franz, der mich zuletzt bei der Mondfinsternis sah und spült ohne zu murren das Geschirr. Er hält mir den Rücken frei, wenn ich Worte suche, die mich nicht finden und er tröstet mich, wenn meine Zuversicht zu kentern droht. Er ist die Sonne, ich bin seine Palme. Mein bester Freund ist - mein Mann.