Still und leise

Endlich war es geschafft. Clara Sonntag hatte sich die Sache schwieriger vorgestellt. Dabei war es ganz einfach gewesen. Sie hatte ein Dutzend roter Beeren, erbsengroß und hochgiftig, in einem Mörser zerkleinert, mit Kirschquark vermischt und in den Kühlschrank gestellt. Diesem appetitlich aussehenden Dessert konnte der nimmersatte Rolf Ressler nicht widerstehen.

"Ein guter Anfang", murmelte Clara und betrachtete zufrieden ihren Chef, der mit offenem Mund auf dem Teppich lag und ins Leere starrte. Das hast du jetzt davon, dachte sie, zündete sich eine Zigarette an und lehnte sich wohlig seufzend in den lederbezogenen Chefsessel zurück.

Ressler war dreist und selbstherrlich gewesen. Ein Choleriker, der Aufträge im Befehlston weitergab. Wo er nur konnte, schikanierte und blamierte er seine Mitarbeiter, besonders Clara. Dass er zuallererst immer an sie dachte, wenn Sonderaufgaben zu übernehmen waren, leuchtete ihr ein. Nicht ein einziges Mal hatte sie ihm widersprochen oder sich beschwert, weil beispielsweise Überstunden nicht bezahlt wurden. Ohne zu murren, lief sie auch dreimal täglich zur Imbissbude und kaufte für ihn Hamburger oder Currywürste. Zum Dank bediente er sich am Kühlschrank und futterte, ohne zu fragen, all das auf, was Clara für sich mitgebracht hatte. Aber der Gipfel war, dass er bei der letzten Mitarbeiterbesprechung gesagt hatte: "Unsere Frau Sonntag ist immer so still und so farblos, irgendwie unsichtbar ..." Und wie er dabei gelacht hatte. Sie empfand beides als erniedrigend. Das würde sie ihm ihr Leben lang nicht verzeihen

"Wer zuletzt lacht, lacht am besten, Chef", sagte Clara und blies den Rauch in seine Richtung. Die grauen Zeiten waren jetzt endgültig vorbei. Ab sofort würden bunte Zeiten anbrechen. Genau so wie es der alte Kartenleger ihr vor einigen Tagen prophezeit hatte.

"Wie wird mein Leben verlaufen?", fragte Clara, während sie ehrfürchtig die Kristallkugel betrachtete, die der Alte vor sich auf den Tisch stellte.

"Sehen wir nach", sagte er und blickte in die Kugel.

"Ich sehe ... nichts", sagte er nach einer Weile, "absolut nichts. Das ist mir noch nie passiert." Er zwirbelte seinen Bart und fuhr fort: "Bisher konnte ich immer etwas sehen. Aber lass mich nachdenken. Auch ein Nichts muss etwas zu bedeuten haben." Er schob die Kugel beiseite. Seine dunkelgrünen Augen fixierten Clara. Lange sah er sie an.

"Wenn du dein Leben so lebst wie bisher, wirst du im Nichts enden. Dein Leben wird eintönig bleiben. Am Morgen wirst du ins Büro gehen und deine Arbeit verrichten. Du wirst dem Mann, den du Chef nennst, zu Diensten sein, doch er wird dich weiterhin belächeln, schikanieren und ausnutzen. Du bist zu schwach, um dich zu wehren, und deine Kollegen werden immer auf der Seite ihres Arbeitgebers stehen. Viele Jahre wirst du mit diesen Menschen verbringen müssen, du wirst sie hassen, doch am meisten wirst du dich selbst hassen, denn deine Träume werden sterben, Clara. Dabei hattest du so wunderbare Träume." Er hielt inne und nahm Claras Hände fest in seine, bevor er fortfuhr: "Träume von wunderschönen Wiesen, auf denen Menschen tanzen, in deren Mitte du Lieder singst mit heller Stimme und einem Lachen im Bauch. Erinnere dich, wie du als Kind vor dem Spiegel gestanden hast. Du hieltest einen Löffel in der Hand und probtest für deinen großen Auftritt. So könnte deine Zukunft aussehen, du auf einer Bühne ... doch wie es im Moment ausschaut, wird daraus nichts."

Erschrocken zog Clara ihre Hände zurück. Woher wusste der Kartenleger von ihren tiefsten Sehnsüchten? Schon als Kind hatte sie auf einer Wiese getanzt und gesungen, umgeben von Margeriten und Kornblumen sah sie sich als gefeierte Sängerin auf einer Opernbühne stehen.

"Ich habe nie... niemandem von meinen Träumen erzählt, Sie können unmöglich davon wissen", stotterte Clara.

"Fragen wir die Karten", sagte der Alte. Nachdem er die Karten gemischt und aufgedeckt hatte, fuhr er fort: "Das Blatt ist eindeutig. Der Mann, für den du arbeitest, ist ein schlechter Mensch, und diejenigen, die du Kollegen nennst, sind deiner nicht wert. Sie alle nehmen dir die Luft zum Atmen, ihre Seelenfarben übertragen sich auf deine Seelenfarbe. Sie haben dich infiziert mit ihrem Gift. Die meisten Menschen sind grau, grau wie der Regenhimmel, grau wie die Schatten an der Wand. Ihr habt eure Farben verloren, ihr alle. Hier und da nur treffe ich welche, die sich ihre Träume noch erhalten haben. Ihre Farben leuchten von weitem. Ein rosa Kind hier, eine grüne Großmutter dort, eine Schulklasse, deren Goldorange das Grau des Lehrers überstrahlt. Die meisten jedoch sind grau, grau und noch mal grau." Der Kartenleger seufzte und fügte leise hinzu: "Wenn du das Nichts vertreiben möchtest, Clara, beginne zuerst damit, deine Seelenfarbe wieder zu entdecken. Streife das Grau ab, streife die Menschen ab, deren Grau auf dich abfärbt. Es ist noch nicht zu spät, denn auf deiner Stirn hat sich soeben ein kleiner, gelber Fleck gebildet."

Clara schluckte mehrmals und sah den Alten nachdenklich an. Wollte sie so weiterleben wie bisher? Konnte sie das schmierige Grinsen ihres Chefs, sein aufgedunsenes Gesicht und seine Boshaftigkeiten noch länger ertragen? Wie hatte der Kartenleger gesagt? Kinder sind rosa. Großmütter sind grün. Und was war mit den Kollegen und dem Mann in der Nachbarschaft, der seine Frau jeden Abend verprügelte? Sie alle waren grau, natürlich waren sie grau und eine Plage. Ausradieren müsste man sie. Aber wie? Würde es genügen, den Namen Ressler auf ein Stück Papier zu schreiben, einen Radiergummi zu nehmen und dann Buchstabe für Buchstabe auszulöschen? Der Name wäre zwar weg. Aber nicht Ressler. Wen würde ich alles ausradieren?, fragte sich Clara. Natürlich zuerst den Chef, dann die Kollegen und auch den Mann, der seine Frau schlägt.

Clara überlegte. Nach einer Weile trat ein seltsamer Glanz in ihre Augen. Zu Hause, in ihrer Wohnung, auf dem Kaminsims, stand ihr ganz persönlicher Radiergummi. Er hieß: Daphne mezereum. Seine Blätter sahen Lorbeer zum Verwechseln ähnlich und seine Früchte, klein und rund, leuchteten rot wie Beeren. "Nimm ihrer zwölfe prall und rot und schon ist er mausetot."

Clara lächelte und erhob sich leichtfüßig aus dem Chefsessel. Ressler hatte ihren giftigen Liebling Daphne bereits zu spüren bekommen. Und das, schwor sie sich, sollte erst der Anfang sein.

"Still und leise" veröffentlicht in:

"Einmal ist keinmal - CalVino Rosso", ferber-verlag, Köln, 2004, ISBN 3-931918-12-2